Quantenphysik und Bewusstsein – eine Klarstellung

von Jörg Starkmuth

Erschienen in Die Andere Realität, Ausgabe 5/6, 2010, und Welt der Esoterik, Ausgabe 04/10

In Kreisen des „neuen Denkens“, der Esoterik und alternativer Heilmethoden tauchen die Begriffe „Quantenphysik“ und „Quanten-XYZ“ (ersetze YXZ durch fast jedes denkbare Wort) inzwischen mit inflationärer Häufigkeit auf. Ein offener Geist mag sich fragen, welche revolutionären neuen Erkenntnisse zu dieser wundersamen Synthese von Naturwissenschaft und Esoterik geführt haben, während so mancher Hardcore-Skeptiker eher glauben dürfte, was ein ebensolcher in einer Buchrezension bei Amazon schrieb: „Man will wohl neuerdings die Welt des Paranormalen und der Esoterik mithilfe der Quantenphysik quasi durch die Hintertür salonfähig machen.“

Tatsächlich macht sich bei einer genaueren Betrachtung all dessen, was da „quantifiziert“ wird, eine gewisse Ernüchterung breit. Allzu oft hört und liest man die Aussage, die Quantenphysik beweise eindeutig, dass unser Geist letztlich die materielle Welt erschafft. Wer mein Buch Die Entstehung der Realität – Wie das Bewusstsein die Welt erschafft kennt, weiß, dass ich dem zweiten Teil dieser Aussage durchaus zustimme. Umso wichtiger ist mir allerdings – im Interesse der Glaubwürdigkeit all derer, die in diesem sensiblen Grenzbereich ernsthafte Erkenntnisfindung betreiben – die Klarstellung, dass wir von einem „Beweis“ heute fast genauso weit entfernt sind wie vor 80 Jahren, als die Quantenphysik erstmals das konventionelle Weltbild erschütterte.

Schauen wir also genauer hin. Vereinfacht gesagt ist die Quantenmechanik zunächst nichts weiter als ein gut funktionierendes (und damit legitimes) Formelwerk, mit dem man die statistische Wahrscheinlichkeit berechnen kann, bestimmte Elementarteilchen an bestimmten Orten anzutreffen, wenn man mittels geeigneter Messvorrichtungen dort sucht. Nicht weniger und nicht mehr. Das eigentlich Revolutionäre besteht nun allerdings darin, dass die Elementarteilchen offenbar überhaupt nicht existieren, solange nicht genau das passiert: eine Messung, die das Teilchen zum Erscheinen zwingt. Bis dahin verhalten sie sich wie über den Raum verteilte Wellenstrukturen, die miteinander interagieren und dadurch neue Wahrscheinlichkeitsverteilungen aufbauen. Es sind diese wellenartigen Verteilungen, die mit den Quantenformeln berechnet werden können.

Der klassische Doppelspaltversuch ist das bekannteste Beispiel: Schießt man Elektronen oder andere Teilchen (auch Lichtteilchen) durch zwei eng nebeneinanderliegende Spalte, bildet sich auf einem dahinter mit etwas Abstand aufgestellten Schirm, der die Einschlagorte der einzelnen Teilchen sichtbar macht, ein Interferenzmuster, das sich durch Überlagerung der von beiden Spalten ausgehenden Wahrscheinlichkeitswellen erklären lässt. Deckt man einen der beiden Spalte ab, verschwindet das Muster und wird durch eine einfache Dichteverteilung ersetzt.

Interessanterweise funktioniert das Ganze auch dann noch, wenn man einzelne Teilchen nacheinander durch den Doppelspalt schickt. Obwohl jedes Teilchen nach klassischer Vorstellung nur einen der beiden Wege nehmen kann, gehorcht es nach wie vor der durch die beiden Spalte vorgegebenen Wahrscheinlichkeitsverteilung und bildet zusammen mit seinen einzeln eintreffenden Kollegen nach und nach wieder das bekannte Muster auf dem Schirm – nicht jedoch, wenn man einen der Spalte abdeckt. Es scheint, als „wüsste“ das Teilchen, ob der zweite Spalt offen oder geschlossen ist. Da man einem Elektron so viel Weitsicht kaum zutraut, ist wohl eher davon auszugehen, dass es tatsächlich sozusagen beide Wege zugleich genommen hat und somit gar kein Teilchen im klassischen Sinne war, bis der Schirm es dazu zwang, sich als solches zu zeigen. Zuvor war es lediglich eine Art „Möglichkeitswelle“.

Die Tatsache, dass sich schon in den zwanziger Jahren eine gewisse Mystik in manchen Interpretationen der Forschungsergebnisse breitmachte, hängt nicht zuletzt mit einer ungenauen Interpretation und Verquickung der Begriffe „Messung“ und „Beobachtung“ zusammen. Hierunter kann man einen rein technischen Vorgang verstehen, aber eben auch die Wahrnehmung durch einen bewussten Geist. Stellt man nun die Aussage in den Raum, dass im Moment der „Beobachtung“ die Quantenwelle „zusammenbricht“ und sich als Teilchen präsentiert, kann ein Zuhörer schnell zu dem Schluss gelangen, es sei der bewusste Geist, der aus der Wahrscheinlichkeit eine Wirklichkeit macht. Tatsächlich tendierten auch einige der frühen Quantenphysiker zu dieser Vermutung.

Wie schon bemerkt, vertrete ich selbst diese These und agiere daher hier als Advocatus Diaboli im Interesse einer sauberen Argumentation. Denn wir müssen uns klar machen, dass die Schlussfolgerung an dieser Stelle schlicht verfrüht ist. Was die Teilchen zum Erscheinen zwingt, ist der Schirm, nicht der Geist des Beobachters. Und was das Interferenzmuster zum Verschwinden bringt, ist nicht die Absicht des Beobachters, sondern seine Interaktion mit der Messvorrichtung (das Abdecken des einen Spaltes). Beides funktioniert zuverlässig, unabhängig vom Beobachter, und ist damit ebenso „objektiv“ wie die Tatsache, dass ein losgelassener Stein (unter Normalbedingungen) zu Boden fällt.

In den letzten Jahrzehnten ist die Interaktion von Quantenwellen wesentlich genauer erforscht worden, und was in der klassischen Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik als nicht zweifelsfrei erklärbarer „Kollaps der Wellenfunktion“ bezeichnet wurde (durch den die Welle zum Teilchen wird), wird heute mit dem Begriff „Dekohärenz“ erklärt: Man konnte zeigen, dass die Wechselwirkung von Teilchen bzw. Quantenwellen mit ihrer Umgebung dazu führt, dass Überlagerungszustände verschiedener Möglichkeiten, wie sie am Doppelspalt (indirekt) beobachtbar sind, verschwinden und nur klar definierte Zustände – sprich: Teilchen an einem bestimmten Ort – mit einer genügend hohen Auftrittswahrscheinlichkeit übrig bleiben. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr Teilchen beteiligt sind, was dazu führt, dass sich Wellenüberlagerungen (Interferenzmuster) nur bei sehr kleinen Teilchen beobachten lassen, jedoch nicht bei makroskopischen Objekten wie Fußbällen oder Katzen (Schrödingers legendäre Katze ist also eindeutig tot oder eindeutig lebendig, aber nichts „dazwischen“). Beim Doppelspaltversuch kommt die Dekohärenz durch Interaktion der Teilchenwelle mit dem Schirm zum Tragen, sodass dort ein Teilchen erscheinen muss, während am Doppelspalt selbst noch mehrere Zustände parallel existieren können.

Diese Erkenntnisse sind in eine moderne Deutung der Quantenmechanik eingeflossen, die unter dem Begriff  „Consistent Histories“ (deutsch etwa: in sich schlüssige Geschichten) bekannt ist. Eine konsistente Historie ist eine „erlaubte“ Zustandsabfolge eines Quantensystems, die sich aus der Dekohärenz aufgrund der Interaktion der beteiligten Materie ergibt. „Unmögliche“ Zustände wie die Überlagerung zweier verschiedener Flugbahnen eines Fußballs werden dadurch ausgeschlossen, während solche Überlagerungen bei einzelnen Teilchen, wie wir gesehen haben, durchaus zulässig sind.

Wie wir sehen, kommen wir bislang sehr gut ohne die Annahme eines Bewusstseinseinflusses aus. Wer also – wie es leider oft geschieht – behauptet, der Doppelspaltversuch zeige bereits eindeutig einen solchen Einfluss, der irrt und läuft Gefahr, von Menschen, die in der modernen Physik bewandert sind, nicht ernst genommen zu werden.

Wo also kommt nun das Bewusstsein ins Spiel? Die „Consistent Histories“-Interpretation erklärt lediglich, welche Zustände eines Quantensystems möglich (das heißt beobachtbar) sind und welche nicht. Im Allgemeinen gibt es jedoch immer mehrere dieser zulässigen Zustände, und es gibt keine allgemein anerkannte Erklärung dafür, welcher davon tatsächlich eintritt, d. h. wie aus einer Anzahl quantenphysikalisch zulässiger Realitäten eine bestimmte ausgewählt wird.

Die Frage ist also nicht, wie und warum beim Doppelspaltversuch aus der Welle ein Teilchen wird, sondern warum das Teilchen genau an dieser Stelle einschlägt und nicht an einer anderen, die innerhalb des Interferenzmusters ebenso zulässig gewesen wäre. Wir können lediglich Aussagen über das durchschnittliche Verhalten einer großen Zahl von Teilchen machen, aber nicht das Verhalten einzelner Teilchen genau vorhersagen – und zwar nicht aufgrund unserer Unkenntnis der genauen Randbedingungen, sondern aufgrund der immanent statistischen Natur der Quantenmechanik.

Es gibt drei verbreitete Erklärungsmodelle. Erstens: Die Auswahl erfolgt zufällig. Zweitens: Es erfolgt überhaupt keine Auswahl, sondern jede Möglichkeit geschieht in einer parallelen Realität (Viele-Welten-Deutung). Drittens: Die Auswahl erfolgt durch das Bewusstsein des Beobachters. Die Quantentheorie selbst hilft bei der Entscheidung für eine dieser Erklärungen in keiner Weise weiter – so viel zu der ihr oft unterstellten „Beweiskraft“.

Für die Zufallsthese spricht, dass unsere Realität offenbar tatsächlich weitestgehend statistischen Gesetzen folgt. Eine Erklärung, was Zufall ist und woher er kommt, gibt es allerdings nicht. Er lässt sich innerhalb der bekannten Physik nicht begründen, sondern nur als Phänomen empirisch beobachten – seine Existenz als Auswahlinstanz wird daher einfach angenommen.

Die Viele-Welten-Deutung beseitigt elegant die Frage nach dem Auswahlprinzip, hat allerdings die unschöne Eigenschaft, dass sie uns den freien Willen abspricht, denn wenn jede mögliche Realität parallel stattfindet, nimmt nichts und niemand wirklich Einfluss auf den Lauf der Dinge – es würde uns lediglich so erscheinen, da jede parallele Instanz unserer selbst nur ihre jeweils eigene Realitätsvariante erleben würde.

In einer rein zufallsgesteuerten Welt hätte ein freier Wille freilich ebenso wenig Platz. All dies spricht zumindest im Hinblick auf unseren emotionalen Komfort für die Annahme, dass das Bewusstsein bei der Auswahl der Realität eine Rolle spielt und wir damit tatsächlich einen Einfluss auf unsere Wirklichkeit haben. Aus wissenschaftlicher Sicht kann dies allerdings selbstverständlich kein Kriterium sein. Wir brauchen also Beweise oder zumindest Indizien für einen solchen Einfluss. Und diese werden wir aus den oben genannten Gründen nicht in der Quantenphysik finden.

Wir müssen uns also der klassischen Disziplin zur Untersuchung von Geist-Materie-Beziehungen zuwenden: der Parapsychologie. Damit fallen wir in den Augen vieler naturwissenschaftlich orientierter Zeitgenossen bereits durch das Raster derer, die man noch ernst nehmen kann. Damit müssen wir leben – und akzeptieren, dass uns die allgemein akzeptierte Quantenphysik zwar offene Fragen liefert, die Raum für die Annahme eines Bewusstseinseinflusses lassen (und diesen in meinen Augen sogar nahelegen), dass wir aber, was das Sammeln von Beweisen angeht, auf weitaus weniger anerkannte Fachbereiche angewiesen sind.

Und auch hier müssen wir – wollen wir auf Diskussionen mit Skeptikern vorbereitet sein – der Tatsache ins Auge sehen, dass die Beweislage bislang recht dünn ist.* Es gibt experimentelle Ergebnisse, die einen signifikanten Einfluss der Absicht einer Versuchsperson auf das Ergebnis eines physikalischen Zufallsprozesses zeigen – wobei der Einfluss allerdings zumeist extrem klein ist (bei den wohl am besten dokumentierten PEAR-Experimenten lag er in der Größenordnung von wenigen geänderten Bits unter Tausenden). Es gibt allerdings auch zahlreiche Studien, in denen solche Ergebnisse nicht reproduziert werden konnten. Tatsächlich beobachtet die Parapsychologie sogar einen offenbar systematischen Effekt, der dafür zu sorgen scheint, dass die Ergebnisse von Psychokinese-Experimenten mit zunehmender Zahl der Wiederholungen immer weniger eindeutig werden – dies ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Skeptiker, die behaupten, dass dann offenbar einfach die Versuche zu Beginn nicht ordentlich durchgeführt wurden – in einigen Fällen vermutlich zu Recht.

Glaubt man allerdings an die Relevanz der Ergebnisse, könnte man den Effekt auch damit erklären, dass der zunehmende Bewusstseinseinfluss skeptischer Gemüter auf den Ausgang der Versuche für die abnehmende Beweiskraft sorgt – oder womöglich die Tatsache, dass mit zunehmender Bekanntheit der Experimente der Einfluss des kollektiven Bewusstseins zunimmt, das dazu neigt, Ereignisse außerhalb des etablierten Glaubenssystems für „ungültig“ zu erklären.

Menschen, die Erfahrungen mit makroskopischer Realitätsgestaltung („Bestellungen beim Universum“, „Transsurfing“ etc.) gemacht haben, sehen häufig gar keinen Bedarf mehr für „Beweise“ – ihr Leben ist (subjektiv) voll davon. Tatsächlich sind einige der beschriebenen Erlebnisse mehr als unglaublich. Aus wissenschaftlicher Sicht ist hier freilich eine Abschätzung der tatsächlichen Beweiskraft so gut wie unmöglich, da im Gegensatz zum kontrollierten Laborexperiment hier eine unüberschaubare Zahl subjektiver und äußerer Einflüsse zum Tragen kommt. Allein schon der Einfluss der inneren Einstellung auf die selektive Wahrnehmung und die unbewusste Beeinflussung von Mitmenschen auf ganz konventionellen Wegen wird oft hochgradig unterschätzt.

In jedem Fall kann ich allen, die sich mit der Beeinflussung der Wirklichkeit durch im weitesten Sinne esoterische Mittel befassen, nur empfehlen, mit argumentativen Bezügen zur Quantenphysik vorsichtig zu sein. Was zunächst wie eine willkommene Brücke zwischen dem etablierten und dem neuen Weltbild – und damit zwischen Vertretern beider Sichtweisen – scheinen mag, kann bei unsauberer Argumentation schnell nach hinten losgehen und das „unseriöse“ Image, das vielen neuen Ansätzen anhaftet, noch verstärken. Und das kann nicht im Interesse eines offenen Dialogs sein.

* Nachtrag (August 2011): Inzwischen sind mir weitere Forschungsergebnisse bekannt geworden, nach denen die Beweislage nicht mehr so dünn aussieht. Eine 1989 durchgeführte Meta-Analyse, in die mehr als 800 Studien zur Psychokinese (einschließlich derjenigen ohne signifikante Ergebnisse) einbezogen wurden, hat gezeigt, dass Psychokinese trotz der uneinheitlichen Ergebnisse ein statistisch robuster Effekt ist, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass die positiven Ergebnisse nur durch Zufall, Messfehler oder Betrug zustande gekommen sind, ist verschwindend gering – laut dieser Analyse ist sie kleiner als 1 zu 1 Billion. Psychokinese kann damit nach wissenschaftlichem Maßstab als bewiesenes Phänomen angesehen werden. Näheres ist in diesem Artikel zu finden.



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